Willkommen auf meinem Weblog
Montag, 26. November 2007
Weihnachtslieder
Fröhliche Musik klingt über den Platz. Fünf Straßenmusikanten haben sich eingefunden. Die Combo spielt auf Akkordeon, Gitarre, Klarinette und Trompete muntere Lieder. Der fünfte Mann gibt auf einer Trommel den Takt an. Als ich ankomme, wird gerade Guantanamera zum Besten gegeben, die weltbekannte kubanische Melodie, auf die vor einigen Jahren die Einmaligkeit des Fußballspielers Rudi Völler gepriesen wurde. Darauf folgt das mexikanische Revolutionslied La Cucaracha. Nichts von klingenden Glöckchen und leise rieselndem Schnee. Ein kleiner Junge beschwert sich darüber bei seinen Eltern. Er wolle Weihnachtslieder hören. Der Vater geht zur Kapelle und wechselt ein paar Worte mit dem Trommler. Zurück bei Frau und Kind erstattet er Bericht: "Ich habe ihn gebeten, mal was anderes zu spielen. 2 Euro habe ich ihm dafür in die Hand gedrückt. Das wird ja wohl reichen." Tatsächlich wird dann das Programm geändert, nur leider immer noch nicht wie erhofft. Norddeutsche Weihnachtslieder gehören offenbar nicht zum Repertoire, denn auf karibisches Liedgut folgt orientalisches, vermutlich ein Weihnachtslied vom Bosporus. In dieser Umgebung nicht ganz stilecht, aber schön war es trotzdem.
Mittwoch, 31. Oktober 2007
Abholschein
Da sie nicht wusste, wonach sie suchte, äußerte sie eine Vermutung: "Soll das ein Harry Potter sein?".
"Nein", antwortete ich, wobei ich mich fragte, warum ich ausgerechnet den hätte bestellen sollen, wenn doch am Eingang ein Tisch mit allem aufgebaut war, was die Anhänger des zaubernden Knaben sich wünschen. Bücher, gedruckt und vertont, dazu die passenden Kalender für die Wand oder die Schultasche, und das stapelweise. Alles vorrätig und zum Mitnehmen. Bestellen unnötig. Außerdem wusste ich bisher nicht, dass hier Bestsellerpflicht bestand.
"Was denn sonst?" Sie schien verwundert, mal keinen Harry Potter loszuwerden. Warum eigentlich? Wir waren doch nicht bei Flourish & Blotts, der Zauberbuchhandlung in der Winkelgasse, in der alle Hogwarts-Schüler ihre Schulbücher kaufen, während sich ihre Eltern im Tropfenden Kessel berauschenden Zaubertränken hingeben.
Mit den Worten "König von Albanien" löste ich das Rätsel auf.
"Das kenne ich nicht", gestand die Verwalterin der bestellten Bücher, "aber ich kann ja mal schauen, ob es heute geliefert worden ist." Ihre Hände und ihr Kopf verschwanden in einem Karton von den Ausmaßen einer Schatzkiste aus den Verliesen der Zaubererbank Gringotts. Als sie wieder auftauchte, wedelte sie stolz mit ihrer Beute: "Da isses!".
Na also, das hat dann doch noch geklappt. Die Frau hat das Buch herbeigezaubert. Die Buchhandlung sollte statt Abholscheinen besser Glaskugeln verwenden, wenn sie Hogwarts-Absolventen beschäftigt. Die können damit mehr anfangen als mit Nummernzetteln.
Sie verpackte das Buch in einer Tragetasche mit buntem Harry-Potter-Aufdruck. "Wenn Sie schon keinen Harry Potter kaufen, kriegen Sie jetzt wenigstens die Tüte dazu."
Damit bin ich dann nach Hause spaziert. "Zauberhaftes Lesevergnügen!", steht auf dem Beutel. Das werde ich hoffentlich auch mit Otto Wittes Abenteuern haben, der 1913 mal für fünf Tage König von Albanien war.
Sonntag, 28. Oktober 2007
Uhrwerksversagen
Irrtum! Bei mir nicht.
Damit meine ich nicht die Auswirkungen auf die innere Uhr, sondern das Schicksal meiner Küchenuhr. Die hat die Aktion nicht überlebt. Um ihre Anzeige der jetzt wieder geltenden Mitteleuropäischen Zeit anzugleichen, habe ich sie von der Wand genommen. Das Zifferblatt und die Zeiger selbst sind nicht zugänglich, das Gehäuse kann nicht geöffnet werden. Deswegen habe ich die Zeiger mit dem Rädchen an der Rückseite um eine Stunde zurückgedreht. Dabei bin ich sehr vorsichtig zu Werke gegangen, wirklich äußerst behutsam, denn ich wollte nicht mehr stören als unvermeidlich. Ist doch klar, dass Uhren leiden, wenn ihnen zweimal im Jahr das Innerste verdreht wird. Als ich die Uhr danach wieder an den Haken hängte, hat sie sich endgültig verabschiedet. Der kleine Zeiger plumpste nach unten, wo er unter letzten Zuckungen zum Stillstand kam. Jetzt baumelt er schlaff über der Sechs und spielt nicht mehr mit. Auch der Sekundenzeiger hat sich abgemeldet, kurz nach halb, höher hat er es nicht mehr geschafft. Der große Zeiger klemmt bei der Zehn. Jahrelang war die Küchenuhr für mich da, aber bei der Zeitumstellung ist es passiert. Totalausfall. Exitus. Ein treues Uhrwerk tickt nicht mehr.
Meine Uhr hat bei der Umstellung das Zeitliche gesegnet.
Ist das etwa problemlos?
Mittwoch, 24. Oktober 2007
Schöne Stunden im Pantoffelkino
Ich schlafe oft bei Filmen ein. Passiert mir das zu Hause, fällt dabei meistens die Fernbedienung auf den Boden. Im Kino ist die Sache gefährlicher, denn eine Tüte Popcorn und ein Becher mit Bier hinterlassen beim Runterfallen weitreichende Spuren. Da passe ich dann schon besser auf.
Dem Mann mit den Messern passiert sowas nicht. Er hält die Augen offen, merkt sich aber noch nicht einmal, welcher Film vor ihm ablief. Ich weiß hinterher immerhin noch, wobei ich eingeschlafen bin.
Seine Kollegen fertigten den ratlosen Herrn der Klingen nicht so kurz ab wie ich.
Von den Bratpfannen rief eine Verkäuferin: "War das ...?" Den Titel, den sie nannte, habe ich vergessen, aber der half ja auch nicht weiter. Der Liebhaber namensloser Filme wehrte ab: "Wenn ich das wüsste, hätte ich doch nicht zu fragen brauchen."
Hinter aufgestapelten Vorratsbehältern aus Kunststoff krähte ein Mann: "Meinst Du den mit der Autobahnbrücke und dem Sportwagen, der über das Geländer flog?" Der Mann war offenbar kleiner als der Dosenstapel, denn man sah ihn nicht.
"Nein, sowas kam darin nicht vor", antwortete der Messerverkäufer.
"Oder war es der mit diesem knackigen Schauspieler mit den stahlblauen Augen, dem unwiderstehlichen Blick und dem Waschbrettbauch?", fragte eine Kundin mit einer Pfeffermühle in der Hand.
Die Porzellanfachverkäuferin schien den Traummann zu kennen. Sie pfiff anerkennend. Alle drehten sich zu ihr um. Sie errötete.
Die für die Kuchenformen zuständige Dame forderte: "Dann erzähl uns doch mal, was in dem Film so los war."
"Das fällt mir nicht mehr ein, auch wenn ich noch so scharf darüber nachdenke."
"Du kennst weder den Titel noch den Inhalt? Das erkläre uns bitte mal!" Der Topfberater klapperte mit den Deckeln.
"Der Film war so langweilig. Ich habe schon nach einer Viertelstunde nicht mehr hingeguckt. Am liebsten wäre ich ins Bett gegangen."
"Und warum hast Du es nicht getan?"
"Weil meine Frau darauf bestanden hat, dass wir endlich mal wieder zusammen einen Film ansehen."
"Dann frag doch Deine Frau."
"Geht nicht, die hat gerade angerufen und mich gefragt."
"Warum fragt denn ausgerechnet Deine Frau danach? Die hat den Film doch selbst gesehen."
"Ja, eigentlich schon. Aber sie war leider eingeschlafen. Das hat sie mir eben gebeichtet."
Montag, 8. Oktober 2007
Aromen für Herbst- und Winterabende
Sonst kommt der Postbote immer erst gegen 11. Also noch schnell aufs Klo. Heute kam er um 10. Typisch. Jetzt darf ich mir die Lieferung von der Post abholen. Hoffentlich rücken die das Zeug da wieder raus. So gut hat es am Abholschalter nämlich bestimmt schon lange nicht mehr gerochen.
Freitag, 24. August 2007
Wird jetzt auch noch das Kleingeld teurer?
Freitag, 10. August 2007
Ein Geschenk für Weltenbummler
Neugierig holte ich das Ding schon am Ausgang aus der Tüte und sah es mir näher an. Ein Aufkleber auf der Verpackung zeigte eine Zeichnung mit der Gebrauchsanweisung. Aus einem stilisierten Sprühkopf schossen gepunktete Linien direkt auf das Etikett des Anhängers. Das war kein Scherz. Dieser Anhänger war tatsächlich als Duftmarke vorgesehen.
Dass jemand sein Gepäck auf dem Laufband in der Ankunftshalle erschnüffelte, habe ich noch auf keinem Flughafen beobachtet. Das könnte das Personal auch zu seltsamen Reaktionen veranlassen. Im günstigsten Fall fordern die dann ärztliche Hilfe an. Ob so ein Kofferanhänger mit Geruch bei den strengen Sicherheitsvorschriften überhaupt zulässig ist, kann bezweifelt werden, denn die Spürhunde der Sicherheitsdienste sollen sich auf ganz andere Aromen konzentrieren. So aber werden sie abgelenkt. Ich sehe schon Polizeihunde in Hundertschaften die Parfumerien stürmen, weil sie auf den Geschmack gekommen sind.
Mittwoch, 1. August 2007
Nochmal ÖPNV - Ein Erlebnis im Bus
Wir hatten, das ist Jahrzehnte her, in der Schule einen Sportlehrer, der uns gerne an einem Kanal entlanglaufen ließ. Beim Sportplatz ging das los, unter drei Brücken hindurch, über die vierte rüber und dann auf der anderen Seite zurück. Der Lehrer fuhr dabei mit seinem Auto (70er-Jahre, da fuhren Lehrer VW-Käfer) vom Sportplatz jedes Mal zu einer anderen Brücke, um die Leute zu überraschen, die zur Abkürzung den Kanal vorzeitig überquerten. Deswegen hatten wir keine Chance, ihn anzuschmieren. Bis auf eine, aber die war ziemlich ungemütlich, und ich kann mich nur an einen Fall erinnern, als ein Mitschüler die kalte und eklig braune Brühe des Stadtgrabens kurzerhand durchschwamm. Und das war noch einer der sportlichen, dem der ganze Lauf nichts ausmachte. Aber er wollte dem Lehrer die Lücke in seinem System zeigen, was den so gewurmt hat, dass er künftig seinen Käfer stehen ließ und immer mitlief. Immerhin eine sportliche Reaktion.
Übrigens hat unser Lehrer die Schwimmeinlage nicht übelgenommen, denn Schwimmen ist schließlich auch Sport. Bei der Benutzung eines Linienbusses hätte ich ihn allerdings nicht erleben mögen. Sportunterricht ist schließlich keine Formel 1.
Samstag, 28. Juli 2007
Ferngespräch im ÖPNV
Das hat sich geändert, seit es Mobiltelefone gibt. Zu Hause telefonieren ist langweilig geworden. Telefonzellen sind aus dem Stadtbild verschwunden. Aber so ziemlich jeder, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, telefoniert. Manch einer dem Anschein nach sogar ununterbrochen. Und kaum jemand ist noch bestrebt, niemanden mithören zu lassen. Im Gegenteil: Möglichst laut und deutlich wird gesprochen, so als ob die Aufmerksamkeit anderer geradewegs gesucht wird.
Besonders beliebt sind Ferngespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln, bevorzugt in der U-Bahn. Gestern musste (nicht konnte oder durfte, sondern musste) ich Ohrenzeuge eines Gesprächs eines ziemlich jungen weiblichen Wesen werden, das, wie sich aus ihren Worten ergab, gerade ihre Schulzeit beendet hatte. Sie saß auf der anderen Seite des Mittelganges, gut einen Meter von mir entfernt, und ging, mit wem auch immer, die Liste aller Mitschüler durch. Tatsächlich nur die männlichen, denn die weiblichen interessierten in den erörterten Zusammenhängen wirklich nicht. Knabe auf Knabe wurde durchgehechelt, wie er denn so sei, und wie er damals ... (was dann meist unverständlich blieb, weil es in kreischendem Lachen unterging). Außerdem informierte meine Mitreisende eingehend über die weitere Lebensplanung der jungen Herren. Von einem wurde der Besatzung des U-Bahn-Waggons mitgeteilt, der gehe nach Spanien, in einen Ferienclub, um da Geld zu verdienen, als Amateur. Recht so, immer schön bescheiden, erst mal klein anfangen, als Amateur. Die Profilaufbahn wird sich später schon noch ergeben. Schließlich wurde klar, dass meine ÖPNV-Mitreisende mit etwas weiblichem sprach. Sie schlug nämlich vor, man könne doch mal wieder zusammen ausgehen, und zwar "ohne Männer und so". Unter Männern kann ich mir etwas vorstellen, aber was ist "und so"? Ich weiß es nicht. Das ist eines der Rätsel, die nach U-Bahn-Fahrten ungelöst bleiben.
Eigentlich ist es an der Zeit, dass ich bald mal wieder meine Nummer abziehe. Mitten in der vollbesetzten U-Bahn das Handy ans Ohr nehmen, und dann laut rufen: "Ja, könnt Ihr denn nicht einmal etwas ohne mich entscheiden!" Das wirkt immer. Damit kriegt man jeden U-Bahn-Wagen ruhig, mag er auch noch so überfüllt sein. Und dann können die anderen rätseln, was für ein wichtiger Mensch ich sein mag.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Wirtschaftsförderung
Als ich den Karton zum Bezahlen auf den Tresen legte, wurde mir, ohne dass ich mich danach erkundigt hätte, mitgeteilt, dass die beste Kaffeesorte gerade im Angebot sei. Ob ich da nicht zugreifen wolle. Das sei zuviel der Ehre, entgegnete ich, dafür sei ich zu bescheiden. Für mich käme bestenfalls die zweitbeste Bohne in Frage. In welchem Preissegment denn die angesiedelt sei. Worauf ich erfuhr, dass man gar keinen zweitbesten Kaffee im Sortiment habe. Nur besten. Und milden. Und koffeinfreien. Und handverlesenen. Überhaupt eigentlich alle möglichen Sorten. Nur leider keinen zweitbesten. Damit war das Kaffeethema erledigt.
Jetzt wurde ich, wiederum ungefragt, gefragt, ob ich denn schon die Kundenkarte des Unternehmens hätte. Die habe ich nicht. Das musste ich einräumen. Die Dame fand das schade, aber man könne das ja ändern, was ich aber gar nicht wollte. Das fand sie unklug. Zwar koste die Kundenkarte einen Jahresbeitrag von 8 Euro, aber dafür erhielte ich doch immerhin fünf Gutscheine über je 2 Euro, insgesamt als 10 Euro. Der Vorteil liege doch auf der Hand, was ich nicht leugnen konnte. Ich dankte freundlich für das Angebot, wollte aber keine Umstände machen. Der Einfachheit halber, und um ihr Schreibkram zu ersparen, bat ich darum, mir gleich die 2 Euro in bar zu geben. Warum sie das nicht wollte, habe ich nicht verstanden, aber wir fanden auch hier nicht zueinander.
Sichtlich enttäuscht nahm die koffeinangeregte Sanitärzubehörartikelfachverkäuferin jetzt den Karton mit den Wandkörben in die Hand und wandte sich der Kasse zu, sah sich aber vorerst weiterhin außerstande, mir mein Geld abzunehmen. Obwohl sie doch vorher schon einiges Interesse daran gezeigt hatte. Jetzt wollte sie erst einmal meine Postleitzahl wissen. In spannender Erwartung sah sie mich fragend an. Das war mir nun aber beim besten Willen zu hoch. Ich wollte meine Erwerbung doch gleich selbst mitnehmen, und mir nicht zuschicken lassen. Als ich ihr das zu vermitteln versuchte, gab sie mir zu verstehen, das sei wegen der Marktforschung. Dafür brauche sie die Postleitzahl. Überrascht hat mich das nicht, denn in letzter Zeit werde ich immer öfter in immer mehr Geschäften an der Kasse nach meiner Postleitzahl gefragt. Aber ich wollte doch nur die Wandkörbe mit den dazugehörigen Gummisaugern. Keinen Kaffee, keine Kundenkarte, und erst recht keine Durchleuchtung meiner persönlichen Daten. Aber das jetzt mit ihr auszudiskutieren, erschien mir wenig erfolgversprechend. Weil ich aber, und das ja wohl mit Recht, annehme, insoweit nicht der Wahrheitspflicht zu unterliegen, spielte ich diesmal mit. Ich wollte ihr doch wenigstens eine kleine Freude machen. 0-1-9-6-8 gab ich als Postleitzahl an. Reine Phantasie. Aber ihr hat das genügt. Sie lächelte, tippte die Zahlen ein, ich bezahlte und sie verpackte den Karton in einer Tragetüte. Eine Werbezeitschrift mit dem Fernsehprogramm der nächsten Woche gab es gratis dazu.
Wieder zu Hause eingetroffen, habe ich dann geforscht, welchen Ort ich denn zufällig ausgewählt hatte. 01968 ist die Postleitzahl von Senftenberg, das sich mit mehreren Ortsteilen um den Senftenberger See herum erstreckt. Senftenberg liegt im eher strukturschwachen Bundesland Brandenburg. Da habe ich doch eine gute Wahl getroffen. Ob ich diese Postleitzahl jetzt immer angebe, wenn ich mich aus den Klauen der Marktforschung befreien muss? Dann bliebe nur noch abzuwarten, wie lange es dauert, bis die Statistiker deswegen in der Region Senftenberg hohe Kaufkraftreserven vermuten. Vielleicht siedeln sich Handel und Industrie dann verstärkt dort an. Einkaufzentren schießen wie Pilze aus dem Boden, dazu Hotels und Gaststätten, Freizeiteinrichtungen, vielleicht sogar Kaffeegroßröstereien. Eigentlich schade, dass ich Senftenberg gar nicht kenne.
Senftenberg auf Google-Maps ansehen.
Sonntag, 20. Mai 2007
Bin ich denn blöd?
Also noch einmal tief durchgeatmet, und dann rein ins Abenteuer. Ich sprach einen Verkäufer an.
Ob der Player auch unter meinem PC-Betriebssystem laufe, wollte ich wissen. Auf der Packung sei das nicht erwähnt. Der hochmotivierte Elektronikfachverkäufer beriet mich: "Müsste eigentlich." Müsste! Bloß nicht festlegen. Der Mann hat das Zeug zum Politiker. Aus dem kann noch was werden. Als er merkte, dass mich seine Auskunft nicht zufrieden gestellt hatte, wusste er die Lösung. Wie sich das für einen Politiker gehört. "Wenn das nicht geht, können Sie ihn ja zurück bringen." Eigentlich hat er ja Recht. Wir Deutsche sollen uns schließlich mehr bewegen. Wegen der Gesundheit. Und um mich zu beruhigen (durch und durch Politiker, der Mann) fügte er hinzu: "Wird schon. Das Teil ist voll krass." Das war doch mal ein überzeugendes Argument. Sprachlich zwar unüblich, denn an ein "voll krass" schließt sich nach dem Regelwerk der neuen deutschen Umgangssprache zwingend ein "Alter" an. "Das Teil ist voll krass, Alter," hätte er sagen müssen. Er war sich aber wohl nicht sicher, ob ich ihm den "Alten" übelgenommen hätte. Da hat er ihn vorsichtshalber weggelassen. Man muss schließlich nicht alles sagen, was man denkt. Als Nachwuchspolitiker schon gar nicht.
In mir regten sich Zweifel, ob ich da an den richtigen Mann geraten war. Aber ich hatte keine andere Wahl. Außerdem hatte er viel zu tun. Ich war schließlich nicht der einzige, um den er sich kümmern musste. Dabei durfte ich ihn doch nicht stören. Eins traute ich mich aber doch noch zu fragen. Warum denn kein Ladegerät in der Packung sei. "Egal, lädt über USB." Tut mir leid für ihn, aber ich muss schon wieder unzufrieden ausgesehen haben. "Wenn Sie viel unterwegs sind, gibt es Ladegerät extra zu kaufen," beriet er mich. Ohne ihn näher über meine Reisegewohnheiten aufzuklären, fragte ich nur: "Wie teuer?" "Noinnoinunnoinzich." Auf mein "In Ordnung, dann nehme ich das gleich mit" gab er mir noch ein kleines Überraschungspäckchen dazu. Artig dankend trat ich damit ab, an die Kasse.
Zu Hause entpuppte sich der mp3-Player wirklich als Glückskauf. Funktioniert einwandfrei, wird vom PC erkannt und lässt sich sogar wie ein Laufwerk ohne zusätzliche Software beladen. Das habe ich gleich beim ersten Anschließen an den PC untersucht. Sowas wollte ich haben.
Dann holte ich das Ladegerät aus dem Karton und wollte sein Kabel mit der USB-Buchse des mp3-Players verbinden. Das ging aber nicht. Auf der Packung las ich jetzt: "USB-Anschluss (weiblich)". Wer denkt sich bloß solche Begriffe aus? Aber wenigstens habe ich an diesem praktischen Beispiel gelernt, was damit gemeint ist. Wenn am mp3-Player eine Buchse ist, genauso aber auch am Ladegerät, dann passt das nicht zusammen. Denn es fehlt etwas zum Reinstecken.
So wird es also doch noch etwas mit meiner Bewegung. Ich muss zurück ins Fachgeschäft, um das Ladegerät umzutauschen. Wie der Verkäufer wohl reagieren wird, wenn ich ihm mitteile, mit der weiblichen Ausführung könne ich nichts anfangen, ich bräuchte einen Mann? Immerhin hat er mir das falsche Gerät selbst in die Hand gedrückt. Ob er den Unterschied vielleicht gar nicht kennt? Aber da unterschätze ich ihn ganz bestimmt. Schließlich ist er Fachverkäufer in einem großen Elektronikmarkt. Der ist doch nicht blöd.
Samstag, 12. Mai 2007
In vino veritas
Montag, 23. April 2007
Rauchzeichen
Das war schon so, als ich noch rauchte. Dann zündete ich mir bei dem Signal erstmal eine Zigarette an und qualmte genüsslich, während ich rätselte, wer mir wohl geschrieben haben mag. Das hätte ich natürlich ganz schnell herausfinden können, einfach nur nachzusehen brauchen, aber für einen zutiefst abhängigen Raucher ist schließlich alles Grund genug, sich eine ins Gesicht zu stecken. Außerdem fiel es mir dadurch leichter, die E-Mails nicht sofort zu beantworten. Niemand sollte denken, ich hätte sonst nichts zu tun.
Seit ich das Rauchen aufgegeben habe, läuft das anders ab. Jetzt wird nicht mehr am Glimmstängel gezogen, und daher zieht auch die Masche mit der Verzögerungstaktik nicht mehr. Im Gegenteil. So spontan, wie ich damals in der Zigarettenschachtel fingerte, greift meine Hand heute zur Maus. Ganz schnell klicken und lesen. Als ob ich nur das eine Laster gegen ein anderes ausgetauscht hätte. Das soll mir recht sein, denn gesünder ist es dadurch auf alle Fälle geworden, und billiger sowieso.
Ein gehöriger Anteil der Depeschen, die auf meiner Festplatte eintrudeln, sind Newsletter. Eine wundervolle Einrichtung. Ich brauche nur einmal auf irgend einer Webseite meine E-Mail-Adresse einzugeben, und schon klingelt es regelmäßig in meinem elektronischen Briefkasten. Zigaretten konnte ich mir noch selber kaufen, aber um meine E-Mail-Sucht zu befriedigen, müssen mir schon andere helfen.
Die meisten Newsletter sind nicht sonderlich spannend, sondern im Grunde nur Reklame. Da verschaffe ich mir Abwechslung, indem ich immer mal wieder welche abbestelle und dafür neue abonniere. Manche, allerdings nicht viele, sind aber tatsächlich informativ oder unterhaltsam. Einer davon kommt von kolumnen.de, wo ein buntes Sammelsurium von Autoren Texte veröffentlicht. Alle paar Tage gibt es da was Neues zu lesen, ab und an auch zu hören. Vieles davon gefällt mir. Da stöbere ich gern.
Neulich wurde ich in dem Newsletter gefragt, ob ich mir das etwa so vorstelle, dass man das dort alles nur zum Spaß veranstalte. Warum denn bloß niemand die neueste Kolumne von Elke Schröder lese, Nikotinabusus, das verstehe er nicht, der Herausgeber. Die Anfrage kam am 13., und das war ein Freitag. An so einem Tag läuft ja gelegentlich einiges anders als sonst. Ob das der Grund für die ziemlich barsche Fragestellung war? Oder ob sich der Verfasser des Newsletters gerade selbst das Rauchen abgewöhnt? Dann wäre das verständlich, denn bei Entzug reagiert man gelegentlich etwas eigenartig. Bei mir war das zwar nicht so, aber sowas ist selten. Außer mir selbst war das auch niemandem aufgefallen. Oft musste ich mir anhören, ich solle nur möglichst schnell wieder rauchen, sonst sei ich ungenießbar. Und dabei war ich vollkommen ausgeglichen. Das weiß ich genau.
Selbstverständlich hatte ich die Kolumne gelesen. Und das, bitteschön, ganz freiwillig, nicht erst auf Drängen. Der Zorn gegen mich war unbegründet. Als von der Sucht befreiter Ex-Raucher konnte ich gar nicht anders. Bei dem Titel: Nikotinabusus. Obwohl ich zuerst noch nicht wusste, dass die Autorin beschreibt, welche Absonderlichkeiten sie bei sich feststellte, als sie sich vom blauen Dunst verabschiedete. Sie war als Raucherin aber auch zu verächtlich behandelt worden. Da blieb ihr wirklich keine andere Wahl. Da musste sie durch.
Ich habe gelesen, was die Verfasserin erlebte, als sich die Rauchschwaden um ihren Kopf zu lichten begannen. Plötzlich habe sie Dinge bemerkt, die ihr bislang entgangen waren. Zum Beispiel den Kölner Dom. Der müsse wohl über Nacht aus dem Boden gestampft worden sein. Nun gut, mehr kann man am Anfang nicht erwarten. Immerhin wird die Kathedrale jetzt überhaupt wahrgenommen. Aber ein wenig vernebelt scheint der Blick dabei noch zu sein. Aus dem Boden gestampft, das klingt ja so, als ob der Kölner Dom fertiggestellt worden sei. Niemals. Er ist eine ewige Baustelle. Das war er bisher und das wird er immer bleiben. Der Kölner Volksmund unkt mit Recht, dass die Welt untergehe, falls der Dom einmal fertig werde. Eher wäre ja sogar noch damit zu rechnen, dass Rauchen wieder salonfähig wird. Dem lieben Gott geht es mit seinem Dom zu Köln nicht besser als jedem anderen Bauherrn. Die Handwerker machen da keinen Unterschied. Ihre Zeitrechnung wird in Ewigkeiten gemessen. Das hat sicher auch mit den vielen Zigarettenpausen zu tun.
Und dann all die Fragen, die auftauchen, wenn der im Blut reichhaltig vorhandene Sauerstoff zunehmend giftfrei wird: Richtet sich der Gebührenzähler danach, wenn der Telefonhörer aufgelegt wird? Was macht der Kühlschrankbeleuchter hinter der geschlossenen Tür? Da braucht man als Nichtraucher schon mal was zur Beruhigung. An den Griff zur Flasche wäre zu denken. Aber ist das wirklich die Lösung? Ich empfehle: Newsletter lesen. Das lenkt ab.
Samstag, 31. März 2007
Rohe Gewalt
Gestern war es soweit. Ich habe ihn aufgeschraubt und die Festplatte ausgebaut. Der Rest kommt zum Recyclinghof. Bei der ganzen Schrauberei habe ich mich natürlich deftig geschnitten. Scharfe Kanten hat das Innenleben dieser Monstren ja genug.
Und jetzt sitze ich hier vor der ausgebauten Festplatte und frage mich, wie ich sie unbrauchbar machen kann.
Die Möglichkeit, sie von einer Hafenfähre aus mit Schwung in der Elbe zu versenken, mitten in der Fahrrinne, habe ich schon mal verworfen. Das wäre wohl erstmal nicht legal, und außerdem haben wir ja gerade am Rhein erlebt, was da gelegentlich bei Bergungsaktionen so alles aus den Flüssen gefischt wird.
Schraubenzieher, Kneifzange, mein gesamtes Werkzeug ist vollkommen nutzlos. Das Plattengehäuse ist nicht verschraubt, sondern vernietet, und sieht so stabil aus, als ob es für die Ewigkeit gebaut ist.
Aber wozu gibt es google? Die Anfrage alte festplatte unbrauchbar machen bringt immerhin 54.200 Treffer. Aber schon der erste hat geholfen. Ich stelle mich nicht etwa dämlich an, sondern es geht wirklich nur mit Gewalt.
Jetzt schwanke ich zwischen Aus-dem-Fenster-Werfen, aber dann eingepackt in einen alten Kopfkissenbezug, damit die Teile nicht durch die Gegend fliegen, oder - und die Idee finde ich ebenso komisch wie genial - 20 Minuten bei 170° in den Backofen. Das ist dann wohl mein Favorit, schließlich koche ich gerne, und das geht dazu auch noch ohne Treppensteigen.
Die Restwärme nutze ich dann aus, um den Backofen sauber zu machen. Das Backofenspray steht schon bereit. Dann schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe.
Samstag, 24. März 2007
Unruhige Nacht
Das weiß ich jetzt schon. Denn heute Nacht werden die Uhren umgestellt, auf Sommerzeit. Um genau zu sein: Meine Uhren werden nicht umgestellt, sondern das muss ich selbst erledigen. Wobei ich es endgültig aufgegeben habe, zu verstehen, wann die Zeiger um eine Stunde zurück gedreht werden müssen, und wann in die Gegenrichtung. Heute nacht nach vorne, daran hat mich meine Zeitung freundlicherweise erinnert. Warum das so ist, habe ich nie verstanden, obwohl ich mich nach Kräften bemüht habe. Inzwischen ist es mir egal.
Ich gebe zu, dass ich schon vor Jahren aufgegeben habe, mir den Wecker auf nächtliche Stunden zu stellen, um die Umstellung genau zur vorgeschriebenen Zeit vorzunehmen. Das war nur in den Anfangsjahren der Zeitumstellung.
Dann folgten einige Jahre, in denen ich das erst am nächsten Morgen hinter mich gebracht habe. Das brachte mich vollständig um den Schlaf, weil ich die ganze Nacht wach lag, um bloß nicht zu vergessen, wie ich meinen Wecker beim Aufwachen zu lesen hatte.
Inzwischen bringe ich die Prozedur schon seit langem bereits vor dem Schlafengehen hinter mich. So geht es mit dem Schlaf in diesen ereignisreichen Nächten schon besser, und ich kann es durchaus verkraften, für einige Stunden über das Ticken falsch gestellter Uhren hinweg zu schnarchen.
Ein Problem bleibt aber bestehen, und weil ich daran nichts ändern kann, muss ich wohl damit alt werden, deswegen zweimal im Jahr unruhig zu schlafen. Mich lassen nämlich die Gedanken nicht los, ob meine Mitmenschen die Zeitumstellung überhaupt mitbekommen haben.
Auffällig ist jedenfalls, dass sich an den Zeitumstellungs-Sonntagen Telefon und Türklingel zu ungewöhnlichen Zeiten melden. Zu früh oder zu spät? Das weiß doch ich nicht, weil ich das Prinzip nicht verstehe.
Donnerstag, 8. März 2007
Anachronismus
Sterne, Engel, bärtige Männer in roten Mänteln, Weihnachtsservietten in Massen.
Ich habe schon begriffen, dass das Weihnachtsgeschäft immer sehr früh im Jahr startet. Aber schon im März damit anzufangen, scheint mir doch etwas voreilig zu sein.
Mittwoch, 28. Februar 2007
Abgründe
Die Quittung rettete ich noch aus dem Altpapier, und dann ab in die Buchhandlung, ausgestattet mit Bon und Buch nebst Lücke.
Hinter dem Ladentisch hoffte die Kassiererin, dass niemand kam. Pech gehabt. Da war ich.
Sie verzog keine Miene, als ich sie ansprach, bewegte sich nicht, sagte nichts, stellte sich einfach tot. Das habe ich natürlich durchschaut und legte ihr den Kassenzettel hin, das Buch daneben, an der passenden Stelle aufgeschlagen. Ich schilderte ihr das Problem und entschuldigte mich dafür, dass ich Bücher nicht nur kaufe, sondern sogar lese.
Danach schwieg ich.
Sie auch.
Sie stellte sich immer noch tot.
"Ich habe schließlich den vollen Preis bezahlt. Dafür hätte ich gern ein ganzes Huhn," sagte ich, "und kein gerupftes." Dabei sah ich sie weiter an und musste grinsen, wegen des Vergleichs mit dem Huhn.
Dann verriet sie sich, bewegte sich, langsam nur, aber immerhin. Also doch nicht tot, sondern bloß Baldrian in Überdosis. Und dann delegierte sie die Angelegenheit, indem sie ihre Hand mit dem Buch in die Höhe streckte (Gymnastik am Arbeitsplatz) und einer Kollegin zurief:
"Ham wir das Buch nochma?"
Die Kollegin lehnte beidhändig abgestützt auf einem Bücherstapel, wobei ich mich nicht festlegen möchte, ob sie den Stapel vorm Umfallen bewahren wollte, oder eher umgekehrt. Eins von beidem auf alle Fälle, deswegen konnte sie nicht loslassen.
"Weiß nich, musstma gucken."
Die tun was für das Gesundheitssystem. Da ist niemand infarktgefährdet.
Abgrundtief taten sich die Seelen zweier Buchhändlerinnen vor mir auf. Das war mir zuviel, und ich marschierte selbst zum Regal. Was blieb mir übrig? Sollte ich warten, bis der Baldrian zu wirken aufhörte? Ein ganzes Dutzend Exemplare erwartete mich, aufgereiht wie die Soldaten. Einen davon rekrutierte ich mir und ging mit ihm in Richtung Ausgang. Ich wollte nicht länger stören, und die Sache war schließlich auch geregelt.
Plötzlich grölte sie hinter mir her: "HALT! Kommen Sie zu mir!" Wie auf dem Exerzierplatz. Ich gehorchte. Befehl ist Befehl. Während ich zur Kasse ging, starrte mich die versammelte Kundschaft an, als ob ich gerade mit den Tageseinnahmen durchbrennen wollte.
Was sie wollte, hat sie mir dann doch nicht verraten. Als ich bei ihr eintraf, war sie schon wieder in Lethargie verfallen und stammelte nur noch: "Ich muss ..., Sie müssen ..., ..."
Ich hab sie dann einfach irgendwann stehen lassen, weil ich keine Zeit mehr hatte. Ich musste noch zur Apotheke, Beruhigungsmittel kaufen. Bevor ich wieder in eine Buchhandlung gehe, pfeife ich mir auch was rein.
Samstag, 24. Februar 2007
Dienst am Kunden
Deswegen nutzte ich gestern spätabends nach dem Theater noch die Gelegenheit, im U-Bahn-Shop so ein Journal zu kaufen.
Auf dem Kassentresen lagen einige Sterne, gut getarnt unter einem Haufen von Kartoffelchips, Energy-Drinks und Tokio-Hotel-Sammelbildern. Meine Adleraugen sahen das Stern-Logo durchschimmern.
Ich befreite ein Heft aus seinem Versteck und ließ schnell die Blätter durch die Finger rauschen, so wie ein Zauberkünstler sein Kartenspiel, um sicherzugehen, dass auch wirklich eine CD drin ist. Die war für mich das Wichtigste. "Alles klar, die CD ist drin" murmelte ich leise, aber nicht leise genug, dass der Typ hinter dem Ladentisch das nicht gehört hätte.
Ich zeigte ihm den Stern und reichte ihm abgezählte € 2,80. Er nahm aber nicht das Geld, sondern den Stern und blätterte ihn genauso durch wie vorher ich. Wozu das??? Als er die eingeklebte CD gefunden hatte, fing er an, sie rauszufummeln, und sagte zu mir: "Weissu, wennu wills, is null problemo, kann ich cd gleich für dich weckschmaissen." Der wollte mir damit allen Ernstes einen Gefallen tun.
Das konnte ich gerade noch verhindern.
Life is comedy. Das war mal wieder besser als Fernsehen.
Mittwoch, 21. Februar 2007
So ein Theater
Ein Termin, der allen passt, war gefunden, und ich verschaffte mir auf der Website des Theaters in der Online-Buchung einen Überblick, was noch so zu haben ist. In der teuersten Preisgruppe kam nichts mehr in Frage, weil wir mit acht Personen auflaufen werden. Soviel zusammenhängende Plätze zu finden, ist immer schwierig.
Aber in der zweiten Platzgruppe war das Parkett rechts ab der 5. Reihe noch ganz frei. Allerdings gibt es da keine Sitzreihe mit acht Plätzen nebeneinander.
Da hatte ich eine Idee.
Also heute auf ins Theater. Irgendwie ahnte ich schon, was passieren sollte.
Und so kam es dann auch:
"Guten Tag, ich hätte gerne für den soundsovielten acht Karten. Aus der Preisgruppe 2" beschrieb ich der Kassiererin mein Begehr. "Ich habe mir schon mal überlegt, wie man acht Personen im Block unterbringen kann. Im Parkett rechts ..."
Nach einem flüchtigen Blick auf den Monitor kam freudig zurück: "Da ist noch ganz viel frei!"
"Wie sieht es denn aus mit Reihe 5 und Reihe 6?" fragte ich.
"Alles noch frei, geht aber nicht, denn das sind jeweils nur 5 Plätze. Da können nicht acht Leute nebeneinander sitzen" wurde ich beschieden.
"Stimmt. Deswegen hätte ich gern in beiden Reihen die vier zum Mittelgang hin gelegenen Plätze. Dann sitzen zweimal vier Personen hintereinander." Ich fand die Idee gut. Am Besten ist man immer noch selbst sein eigener Kundenberater.
"Oh," staunte sie, "eine gute Idee." Ich wurde noch schnell gelobt, bevor ihr dieses "ABER..." entfuhr.
Und genau damit hatte ich gerechnet. ABER. Da half nichts mehr, da musste ich durch.
"ABER dann nehmen Sie besser alle fünf Plätze in der Reihe 5 und drei in Reihe 6. Das sind zusammen auch acht", wurde ich kundenberaten.
"Das will ich aber nicht. Meine Platzauswahl ist wohl überlegt. Ich habe meine Gründe dafür" versuchte ich noch, eine längere Diskussion abzuwenden.
Jetzt legte sie los: "Aber wenn Sie zweimal vier Plätze nehmen, bleibt in beiden Reihen ein Restplatz übrig. Und diese Einzelkarten werden wir bestimmt nicht mehr los, weil die Randplätze nicht sonderlich beliebt sind. Die lassen sich schlecht verkaufen, weil man von da ziemlich schräg auf die Bühne sieht."
Damit hatte sie die Sache auf den Punkt gebracht, so dass ich mich auf ein schlichtes "EBEN!" beschränken konnte, wobei ich nebenbei den von ihr angeregten schrägen Blick übte.
Sie ließ nicht locker: "Wenn Sie die ganze Reihe 5 nehmen und nur drei Plätze in Reihe 6, bleiben da aber zwei Restplätze. Das ist besser."
"Für wen?" Das interessierte mich.
"Für uns." Klare Antwort.
"EBEN!" Da war es schon wieder.
Die weitere Konversation war langweilig. Das Gespräch drehte sich noch ein paar Minuten im Kreise. Sie wollte nicht, was ich wollte, und ich nicht, was sie wollte. Sowas braucht seine Zeit.
Um die Angelegenheit nicht zusätzlich in die Länge zu ziehen, habe ich nicht gefragt, warum nicht zumindest diese Randplätze in die nächstbilligere Preisgruppe eingestuft seien. Und auch nicht, ob sie nachvollziehen könne, dass acht Personen rechnerisch vier Pärchen sind, und warum sie eines davon gerade zwangsweise trennen wolle.
Im Ergebnis hatte sie natürlich keine Chance, weil ich als geübter Kunde für derlei Situationen trainiert bin. Ich habe Ausdauer.
Endlich resignierte sie: "Wenn Sie das partout nicht einsehen wollen, kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen."
Ich weiß, jetzt war ich gemein: "Doch, ..."
Ein Hoffnungsschimmer huschte über ihr Gesicht.
"... indem Sie mir einfach die 8 Plätze verkaufen, die ich haben will. Damit wäre mir gedient."
Ihre Mundwinkel plumpsten von oben nach unten, so wie bei einem animierten Smiley in der E-Mail. Und sie fügte sich in ihr Schicksal. Warum nicht gleich so? Immer diese Diskussionen.
XXL als Standardgröße
Die heutige Ausgabe des Hamburger Abendblatts meldet, zwei Drittel aller deutschen Männer seien zu dick, 18,8 % von ihnen sogar fettleibig, wie die Statistiker die Hohe Schule des Dickseins zu nennen scheinen. Die männlichen Deutschen hätten damit gegenüber allen übrigen Europäern die Nase vorn, oder wohl treffender ausgedrückt, ihren Frontspoiler. Der Damenwelt gehe es übrigens besser. Sie sei nur zu 31 % übergewichtig.
Mich, der ich Augen habe, um meine Mitmenschen zu betrachten, überrascht das nicht. Ich weiß schon längst, dass ich kein Einzelschicksal bin. Wenn sich das doch nur endlich auch bis hinauf in die Einkaufsabteilungen des Handels herumsprechen würde. Hoffentlich liest dort jemand das Hamburger Abendblatt. Das wäre zu wünschen.
Ich fühle mich jedesmal im Abseits, wenn ich die Herrenkonfektionsabteilungen durchschlendere. Schier endlos reihen sich die Tische nebeneinander, beladen mit Stapeln von Pullovern, T-Shirts, Hosen und Hemden. Ich durchsuche all diese aufgetürmten Kleidungsstücke regelmäßig von oben bis unten, ob etwas mir Passendes dabei ist. Und weil man das von außen nicht erkennen kann, muss ich dafür die Ordnung eines jeden Stapels zerstören, weil ich jede einzelne Textilie auseinander falten muss, um das eingenähte Etikett mit der Konfektionsgröße zu finden.
Wer diese Klamotten kaufen soll, ist mir bisher nicht klar geworden, denn trotz der Masse des Warenangebots finde ich fast nie etwas größeres dabei. Bei Größe M ist meistens Schluss, ab und an einzelne Verirrte der Größe L. Ganz selten begegnet mir auch ein Stück in XL, wobei mein spontaner Entdeckerstolz dann aber stets schnell wieder verfliegt. Das sind dann Artikel aus italienischer Produktion, einem vermutlich kleinwüchsigen Volk. Was die unter XL verstehen, gehört bei uns in die Kinderabteilung verwiesen. Für mich ist das jedenfalls nichts.
Ab und an wende ich mich auch mal an das Personal und frage, ob man auch Größen für die normal gebaute Kundschaft vorrätig halte. Darauf wird mir dann mit einer großzügig ausholenden Handbewegung die gesamte von mir bereits durcheinander gebrachte Kleidersammlung dargeboten. Meine Ironie hat noch niemand verstanden, was man den Angestellten angesichts ihrer Modelfiguren aber wohl nachsehen muss.
Bisher wusste ich nicht, dass 66 % der deutschen Männer mit solchen Fragen nerven müssen. Da hätte ich doch schon mal darüber nachgedacht, das Größenspektrum dem Format des Durchschnittsdeutschen anzupassen. Gut für den Umsatz wäre das allemal. Ich würde ja so gerne Geld ausgeben, aber man lässt mich ja so selten.
